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Krzysztof Penderecki zweifach geehrt

Der Mai 2012 war ein besonderer Monat für Krzysztof Penderecki.

Er wurde sowohl für „seine herausragenden Verdienste um die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland“ mit dem Viadrina-Preis 2011 der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) ausgezeichnet, als auch mit dem Lifetime Achievement Award 2012 der International Classical Music Awards (ICMA) geehrt.

 

Viadrina-Preis 2011

Laudatio von Rolf Beck, Dirgent, Intendant Schleswig-Holstein Musik Festival, künstlerischer Leiter Chor der Bamberger Symphoniker

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrter Preisträger,

lieber Krzysztof Penderecki,

als vor mehr als 40 Jahren die Lukas-Passion von Krzysztof Penderecki im westfälischen Münster uraufgeführt wurde, war dies ein Meilenstein der Moderne! Ich selbst war Gast dieser epochalen Aufführung, von der später die Stuttgarter Zeitung schrieb, diese Lukas-Passion sei „die eigenwilligste und einflussreichste Passionsmusik seit Bach“. Diese Aufführung hat mich, wie keine andere in meinem musikalischen Bewusstsein nachhaltig geprägt. Sie war die Initialzündung für meine eigene musikalische Laufbahn.

Lieber Krzysztof, lass mich als persönliche Anmerkung noch anfügen, dass ich nicht an Zufälle, sondern nur an Schicksal glaube. Ich habe in den letzten Wochen sehr oft darüber nachgedacht, welches Schicksal mich damals nach Münster geführt hat. Ich war ein junger Jura-Student in Marburg, der sich allerdings schon damals weitaus mehr der Musik als den juristischen Studien gewidmet hatte. Ich hörte von der Aufführung in Münster, fuhr hin und kam als ein anderer Mensch zurück. Nach diesem für mich persönlich so bedeutsamen Erlebnis ist es mir eine besondere Ehre, heute diese Laudatio auf Dich halten zu dürfen.

Meine Damen und Herren, es ist äußerst bemerkenswert und einmalig, dass in diesem Jahr ein Musiker mit dem Viadrina-Preis ausgezeichnet wird. Krzysztof Penderecki wird für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung gewürdigt und dies macht deutlich, wie sehr „sich Musik als Brücke über politisch trennende Ströme“ erweist (Zitat von Von Bismarck, ehemaliger Intendant des WDR). Gleichzeit wird darauf aufmerksam gemacht, in welchem besonderen Maße Krzysztof Penderecki in seiner Musik dazu beigetragen hat, die Annährung von Polen und Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg voranzutreiben.

Mit einem Kompositionsauftrag für die Donaueschinger Musiktage im Jahr 1960 beginnt Krzysztof Pendereckis  Karriere in Deutschland. Zunächst nur den Kennern und Liebhabern der Neuen-Musik Szene bekannt, katapultiert er sich mit seiner Lukas-Passion in den Olymp der Musikschaffenden des 20. Jahrhunderts. Krzysztof Penderecki folgt 1966 einem Ruf als Dozent an die Folkwang-Hochschule in Essen und erreicht in den Folgejahren mit seiner Oper „Die Teufel von Loudon“, die bis heute an dreizehn deutschen Bühnen gezeigt wurde, eine breite Öffentlichkeit. Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Dirigent erlebt Krzysztof Penderecki ebenfalls in Deutschland, wieder bei den Donaueschinger Musiktagen. Er wird Rektor der Musikhochschule in Krakau und beginnt im Jahr 1980 mit der Arbeit an seinem „Lacrimosa“. Dies ist der Auftrag, den Penderecki von der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc bekommt, um ein Stück zur Einweihung des Denkmals für die Opfer der 1970 niedergeschlagenen Arbeiterdemonstration zu komponieren. Es wird neben seinem bereits 1967 für die Ermordeten von Auschwitz komponiertem „Dies Irae“ Teil seines Polnischen Requiems, das Ende der 1980er zu Aufführung gebracht wird.

1986 – also 20 Jahr nach der Uraufführung der Lukas-Passion in Münster -  darf ich Krzysztof Penderecki 1986 als Dirigent bei den Bamberger Symphonikern begrüßen. Ich war dort seit 1981 Intendant und es gehörte zu meinen vordringlichen Aufgaben und Zielen, den Komponisten und Dirigenten Krzysztof Pendercki nach Bamberg zu holen, da ich ihn in besondere Weise schätze und verehre. Lieber Krzysztof, wir hatten – wie ich erinnere – eine wunderbare Zeit als mehr und mehr befreundete Künstler und Kollegen.

Es ist bezeichnend, dass der Norddeutsche Rundfunk im Jahr 1988 Krzysztof Penderecki zum Principle Guest Conductor des Symphonieorchester in Hamburg beruft, dem Orchester, zu welchem mich mein Weg als Manager im Jahr 1996 führen wird.

Lassen Sie mich auf eine weitere künstlerische und menschliche Ebene aufmerksam machen, die mich mit Krzysztof Penderecki verbunden hat und verbindet: Das Schleswig-Holstein Musik Festival. Bereits 1989 ist Krzysztof Penderecki gleich zwei Male mit dem NDR Symphonieorchester zu Gast beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Im Lübecker Dom erklingt unter seiner Leitung das „Polnische Requiem“ bevor er mit Dvoraks Stabat Mater und der weltberühmten Sopranistin Lucia Popp nur einige Wochen später das vierte Schleswig-Holstein Musik Festival beschließt.  In den darauffolgenden Jahren ist Krzysztof Penderecki regelmäßig zu Gast im Land zwischen den Meeren: 1993, zu seinem 60sten Geburtstag, stehen zahlreiche seiner Werke Pendereckis im Fokus des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Mit Boris Pergamenschikow und der Sinfonia Varsovia ist Penderecki als Dirigent zu erleben. Threnos, das Penderecki den Opfern von Hirsohima widmet, kommt unter der Leitung von Antoni Wit in Lübeck zur Aufführung und neben seinem  Streichquartett Nr.2, interpretiert vom Wilanow Quartett, erklingt auch sein „Agnus Dei“ unter der Leitung von Eric Ericson im Meldorfer Dom. In gleichem Jahr vollendet Krzysztof Penderecki mit dem „Sanctus“ sein Polnisches Requiem und kehrt nur zwei Jahre später mit der europäischen Erstaufführung seiner 5. Sinfonie zum Schleswig-Holstein Musik Festival  zurück. Ebenfalls 1995 tritt er mit dem weltbekannten Cellisten Yo Yo Ma und dem Schleswig-Holstein Festival Orchester in den Holstenhallen von Neumünster auf. Auf dem Programm stehen seine Pendereckis Sinfonietta für Streicher und Schostakowitsch Cello-Konzert Nr.1 in Es-Dur.

Es war für mich eine große Freude, diese Verbindung Krzysztof Penderecki und dem Schleswig-Holstein Musik Festival fortsetzen zu können, nachdem ich im Jahr 1999 zunächst zum Direktor und danach zum Intendanten des Festivals berufen wurde. Unvergessen ist dabei eine Aufführung der „Seven Gates of Jerusalem“ in der St. Michaelis-Kirche in Hamburg. Dieses epochale und monumentale Werk, dass Krzysztof Penderecki wenige Jahre zuvor zum dreitausendjährigen Stadtjubiläums Jerusalems komponiert hat, erlebte in der großartigen Atmosphäre der Michaelis-Kirche in Hamburg vor 2000 ergriffenen Zuhörern eine unvergessene Aufführung. Es ist wiederrum die St. Michaelis-Kirche in Hamburg, in der er im Jahr 2006 seine „Lukas-Passion“ mit dem NDR Symphonieorchester zur Aufführung bringt und schließlich im Jahr 2010, wieder am selben Ort, das „Polnische Requiem“ aufführt in der erneuerten Fassung. Die Michaelis-Kirche in Hamburg ist ein besonders geeigneter Raum, um die Eindringlichkeit und Emotionalität der geistlichen Werke Krzysztof Pendereckis hervorzuheben und zu unterstreichen.

Lieber Krzysztof, lass mich bei dieser Gelegenheit hier vor einer großen Öffentlichkeit die Bitte anfügen, im nächsten Jahr – wenn Du wiederrum zu unserem Festival nach Schleswig-Holstein kommen wirst – nochmals die „Lukas-Passion“ in der Hamburger St. Michaelis-Kirche zu dirigieren.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, gestatten Sie mir nach diesen auch auf persönlichen Erlebnissen basierenden Ausführungen noch einige allgemeine Anmerkungen zu machen:

Krzysztof Pendereckis Schaffen steht im Dialog und Konflikt mit seiner eigenen Lebenswirklichkeit: seine Werke sind geprägt von tiefer Religiosität und seinen humanistischen Idealen. Eine zentrale Rolle in Pendereckis Kompositionen kommt der Aufarbeitung der Katastrophen des 20. und 21.  Jahrhunderts zu. Krzysztof Penderecki gedenkt der Massenmorde von Lemberg, der Opfer von Hiroshima sowie der Tragödie des 11. September. Seine Vision für ein „Neues Leben“ in Polen fügt er im bereits erwähnten „Polnischen Requiem“ zusammen, nicht wissend, dass diese nur zwei Jahre nach der Uraufführung mit den ersten freien Parlamentswahlen im Juni 1989 Realität werden sollte. Krzysztof Pendereckis Musik ist nie beliebig und wird im Spiegel ihrer Zeit Bekenntnis und Mahnung. Die Rezeption seiner Musik in Deutschland ist davon maßgeblich geprägt: Pendereckis Musik ist nicht der erhobene Zeigefinger; sie ist die ausgestreckte Hand. 

Unsere beiden Lebenslinien haben sich seit den Begegnungen in Bamberg häufig gekreuzt. Krzysztof Penderecki und seine Frau Elzbieta sind zu treuen Freunden und langjährigen Weggefährten geworden. Ihrem unermüdlichen Engagement ist es zu verdanken, dass sich in Krakau eines der renommiertesten Musikfestivals in Europa etablieren konnte. Mit dem Beethovenfest ist in Krakau und später in Warschau ist eine kulturelle Institution von europäischen Format geschaffen worden. Die Bestände der preußischen Staatsbibliothek, die während des zweiten Weltkriegs nach Krakau ausgelagert wurden,  sind auch durch den Einsatz von Krzysztof Penderecki und seiner Frau zum Zeichen eines lebendigen Austauschs zwischen Polen und Deutschland geworden.

Als Dirigent hatte ich die große Ehre und Freude, mehr oder weniger von Anfang an das Beethovenfest begleiten zu dürfen. So war ich auch Zeuge der anfänglichen Irritationen das Beethovenfest in Krakau betreffend. Teilweise gab es Unverständnis darüber, dass in dieser wunderbaren polnischen Stadt ein Festival zu Ehren einer der ganz großen deutschen Komponisten installiert werden sollte. Ich habe es stets bewundert, mit welcher Souveränität und Weitsicht Ihr beide, liebe Elzbieta und lieber Krzysztof, es bewältigt habt, diese größtenteils völlig unberechtigten Irritationen auszuräumen und aus dem Beethovenfest in Krakau ein wirklich europäisches und internationales Ereignis zu machen. Ich habe mehrmals bei meinen Besuchen in Krakau die dort bewahrten Autographen von Beethoven und anderer großer Komponisten in Augenschein nehmen können. Sie sind Zeugnisse der Geschichte unserer beider Länder und Beispiele für die verbindende Kraft der Musik weltweit.

Lieber Krzysztof, ich gratuliere Dir von Herzen  zu diesem Preis! Du bereicherst mit Deiner Musik unsere Welt und bringst in ganz besonderem Maße unsere beiden Länder einander näher. Es ist die Kraft Deiner Musik und Dein Engagement, das Dich zu einem großen Europäern und Weltbürger macht.

 

Viadrina-Preis 2011 – Dankesrede von Krzysztof Penderecki

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich fühle mich durch die Verleihung des Preises der Europa-Universität  Viadrina  überaus geehrt. Viadrina heißt „ an der Oder“, hat also in dem Namen selbst das, was ich so hoch schätze und liebe, und zwar die Natur, mit ihren Geheimnissen und Modellen, die dazu inspirieren, in der kompositorischen Tätigkeit nachgeahmt zu werden. Denn was ist Natur im Grunde, wenn nicht eine, ihre künstlerische Realisierung erwartende, Musikpartitur?

Wir kommen aus der Geschichte. Alma Mater Viadrina, an  deren Geschichte und Tradition  die Europa-Universität anknüpft, wurde 1506 gegründet und wie es sich aus den Quellen ergibt, war sie damals ein begehrenswerter Studienplatz für über 900 Studenten von vielen Seiten: aus Deutschland, Polen, Schweden, Norwegen und Dänemark – und Frankfurt hatte zur selben Zeit nur fünf tausend Einwohner. Von Anfang an haben sich  also an  diesem Platz viele eingefunden, die nach Wissen strebten – in diesem multikulturellen Raum. Die von der Universität gepflegte Idee der Annäherung der Nationen, insbesondere Polens und Deutschlands ist etwas, was ich aufs innigste erhoffe, vor allem wenn wir an die  schwierige Geschichte und ihre Schicksalswenden zurückdenken.

Das Multikulturelle ist in der Landkarte der heutigen Welt eingeschlossen.  Ich bin in Dębica geboren, wo sich die Wege vieler Kulturen kreuzten und die Landschaft der Kinderjahre bleibt doch im Gedächtnis das ganze Leben lang.  „Wir sind eine reisende Monade, die alle Bilder und Klänge einsaugt“ – schrieb Czesław Miłosz.

Als ich die Oper  Schwarze Maske  komponierte, habe ich  an einem Tisch im Musiktheater Vertreter verschiedener Religionen und Weltanschauungen versammelt. Die Welt besteht doch nicht aus einem Stück, aber dank dem gemeinsamen Erlebnis können wir differenzierte und gesonderte Elemente und Werte harmonisieren. Deswegen bin ich so stark von der Macht der Musik überzeugt, die sich – als eine Sprache über Sprachen – besonders ausdrucksvoll äußern und dadurch einen starken Einfluss auf den Zuhörer ausüben kann. Auf einen aufgeschlossenen Zuhörer allerdings, aber doch nicht auf den, der sich von nichts Andersartigem angesprochen fühlt.

Zum Leben brauchen wir den Imperativ des Wissens.  Wenn wir es aufgeben, unsere Kenntnisse zu vertiefen, und zwar das ganze Leben lang, werden wir bald erfahren, dass dadurch auch jede schöpferische Tätigkeit ausgeschlossen bleibt. Sehr aufschlussreich  waren für mich in dieser Hinsicht die Worte des polnischen Dichters Zbigniew Herbert, der mal an junge Vertreter der bildenden Kunst appelliert hat,  in ihrer Kunst vor allem aufrichtig zu bleiben. Und diese Aufrichtigkeit ergibt sich auch daraus, dass sie ihr Handwerk  richtig erlernt haben, und was in der Kunst zu erlernen ist, heißt eben Werkstatt – im weitesten Sinne des Wortes. Was allerdings nicht bedeutet, dass in dieser handwerklichen Aufrichtigkeit ein wenig Wahn fehl am Platze wäre. „In diesem Wahn steckt Methode“, einverstanden, aber der Wahnsinn müsste auch konstruktiv unter Kontrolle bleiben.

Der Aufstand braucht Befreiung.  Als mein Abenteuer mit Musik begann, rebellierte ich mehrmals gegen alle Regel und Grundsätze, die mir eingeprägt wurden. Eins der Privilegien der jungen Jahre ist doch der Wille, die Welt zu verändern, diese bunter und moderner zu machen. Ich habe jedoch immer das hoch geschätzt, was als jene schon genannte Werkstatt und als Ethos bezeichnet wird,  es war die Achtung vor dem nötigen Fachwissen, was heute oft Fachkompetenz genannt wird aber auch davor, was die Aufrechterhaltung des moralischen Rückgrats im Denken und Handeln garantieren konnte. Aufstand und Befreiung  - ist der natürliche Lauf der Dinge. Ich möchte auch unterstreichen, dass  die Mehrheit meiner „rebellischen“ Werke der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts auf Bestellung der deutschen Theater und Philharmonien entstanden ist und in Deutschland aufgeführt wurde. Den Weg aus Polen in die Welt – hat sie über Deutschland gefunden.

Dialog – das Wesen der richtigen Kunst. In die europäische Kultur ist die Idee des Dialogs für immer eingeschrieben – die Idee der Begegnung und des Gedankenaustausches, wie in der klugen Fuge, in der das Thema auf die Antwort wartet, um sich dann in den strengen oder freien Kontrapunkt zu entwickeln. Und aus diesem Dialog der Stimmen  entsteht in der Musik die Konstruktion, die das Schöne bringt, allerdings darauf gestützt, was streng - in der Reflexion als mathesis  bezeichnet. Aus der Begegnung  von  mathesis  und Emotionen entwickelt sich auch – metaphorisch formuliert -  der narrative Verlauf der Musikgeschichte: zu Wort kommt mal das System und  ratio,  ein anderes Mal – der Ausdruck und das stark Emotionelle.

Bei Bedarf am Lied. Manche sind der Meinung, dass ich in meiner Musik letztens sehr lyrisch geworden bin – ich schreibe Lieder. Aber was bedeutet die lyrische Zeit des Liedes? Aufhalten in dem täglichen Lauf der narrativen Eile? Nachdenken über das Wichtige, reinigende Kontemplation? Ausdruck der Gefühle und Begegnung mit sich selbst? In dem Liederzyklus von Franz Schubert  Die schöne Müllerin  finden wir eine wichtige Frage:  Wohin? Wohin führt der Weg des lyrischen Subjekts – des Helden in dieser liedhaften Erzählung. Es ist eine fundamentale Frage, an jeden Menschen gerichtet, der sucht. In welche Richtung soll er sein Talent entwickeln, welchen Weg gehen,  welche Wahl er zu treffen hat.

Die Metapher des Labyrinths spricht mich an. Wichtig ist für mich alleine schon die Suche nach dem Weg und Ausgang. Es bedeutet doch den passionierenden Prozess, verschiedene Fährten zu verfolgen und Spuren der anderen aufzudecken. Und nichts kann doch die Phantasie so bereichern, wie - um bestimmte Ideen zu kreisen und sich selbst in ihnen aufzufinden. Das Wichtigste in der Kunst ist, immer derselbe zu bleiben - sogar den fixierten Normen und allen Erwartungen zuwider. Aus den Versuchen, den Bann zu brechen, aus dem Akt der Transgression ergibt sich doch wohl das Individuelle und Künstlerische.

Der Mensch ist nicht alleine.   Dank der Verleihung des ehrenvollen Preises der Europa-Universität Viadrina habe ich einen Platz  in der Familie der Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur und Politik gefunden, die sich intensiv für die Verständigung zwischen Deutschland und Polen einsetzen, um nur Karl Dedecius – den hervorragenden Übersetzer der polnischen und russischen Literatur, den Nobelpreisträger Günter Grass, Adam Michnik -  einen der Hauptvertreter der antikommunistischen Opposition in der Volksrepublik Polen, oder den ersten polnischen Premierminister nach der Wende – Tadeusz Mazowiecki zu nennen.

„Warum genießen alle den Rhythmus, den Gesang und – überhaupt – Musik“ – fragte Aristoteles. Und antwortete sofort sich selbst: „ Ist es nicht so, weil uns jede Art Rührung freut, die im Einklang mit Natur steht?“ Und dann fügte er noch hinzu: „ Wir genießen Musik, weil es eine Verbindung der Widersprüche ist, die in bestimmten Beziehungen zueinander stehen. Diese Abhängigkeit bildet eine gewisse Ordnung und die natürliche Freude beruht eben auf der Ordnung“.

Einer der hervorragendsten  deutschen Philosophen-Hermeneutiker des 20. Jh.,  Hans Georg Gadamer  war der unermüdliche Befürworter  der Verständigung und der Einigung über dem politischen und kulturellen Partikularismus.  Aber um irgendwas zu verstehen, muss man  - nach Gadamer – „jenes etwas“ erlebt haben.  Das Erleben bedeutet Conditio sine qua non des Verständnisses und darüber hinaus der notwendigen Verständigung, Verständigung im Bereich des Dialogs. Die heutige Welt darf uns die Idee des Erlebnisses nicht nehmen: Erleben bedeutet sowohl Emotionen, als auch  mathesis. Deshalb soll man Musik hören – wenn sie gut ist, kann sie – den Prinzipien der Rhetorik gemäß: lehren, freuen und rühren.

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